Eine kurze Chronik

2002 fängt alles an: Die Firma Gazeley will in Mitteldeutschland bauen - auch Neu-Eichenberg ist in der Auswahl. Die Gemeinde hat Flächen im Auge, die dem Land Hessen gehören und verkauft werden könnten. Gazeley stellt die Planungen für Neu-Eichenberg jedoch ein. Die Gemeinde plant weiter - Kosten in Höhe von rund 1 Mio € entstehen dabei. Gerechtfertigt wird dies auch mit einem 2004 durchgeführten Bürgerentscheid, in dem eine Mehrheit für die Fortsetzung der Planungen zum "Magna-Park" stimmt. Diese ist damals allerdings missverständlich formuliert. 2009 wird ein Bebauungsplan beschlossen, der ein "Sondergebiet Logistik" auf den Ackerflächen vorsieht.

Lange ist es ruhig um dieses Thema. Es ist keine Investorin in Sicht und die Sache scheint abgehakt. In der Zwischenzeit ziehen von den ca. 1800 Anwohner_innen rund 1500 weg und etwa genauso viele hinzu. Anfang 2018 kommen die Pläne wieder auf - die Dietz AG ist interessiert. Allerdings soll an den Konditionen nachgebessert werden - so werden Änderungen am Bebauungsplan vorgelegt, die der Investorin die Entscheidung leichter machen sollen. In Erwartung dieser neuerlichen Bedrohung trifft sich ein Gruppe Bürger_innen - zunächst zu einfachen Workshops, um über Alternativen zum Logistikgebiet zu beraten. Mitte 2018 gründet sich dann die Bürgerinitiative für ein Lebenswertes Neu-Eichenberg. Etwa zur gleichen Zeit wird in der Presse verkündet, die Flächen seien verkauft (was nicht ganz stimmt, s.u.). Währenddessen werden viele Einwände gegen die Änderungen am Bebauungsplan eingereicht, Argumentationsschriften von der Bürgerinitiative veröffentlicht, Leserbriefe geschrieben und so weiter. Vorläufiger Höhepunkt der Proteste ist eine "Rote Linien"-Menschenkette mit ca. 1000 Menschen und mehr als 30 Traktoren. Die Entscheidung über die Änderungen am Bebauungsplan wird immer wieder aufgeschoben.

Anfang Mai baut dann die Aktionsgruppe "Acker bleibt!" ein Camp auf dem Acker auf. Die Hessische Landgesellschaft als zuständige Pächterin der Fläche, die nach wie vor Eigentum des Landes Hessens ist, verkündet zunächst eine Duldung. Nach wenigen Wochen soll dann plötzlich geräumt werden - Begründung: Der Acker solle nun doch wieder bewirtschaftet werden (Ende Mai!). Niemand geht freiwillig - niemand kommt, um zu Räumen. Fehlalarm. Und die Bewirtschaftung ist plötzlich auch nicht mehr so wichtig - die geschützten Brutnester der Feldlerchen freuts. Von offizieller Seite heißt es, bis die Entscheidung über die Änderung des Bebauungsplans nicht getroffen ist, müsse nicht mit einer Räumung gerechnet werden.

Update Mai 2020:

Ein Jahr ist seit dem Beginn der Besetzung vergangen. Seitdem wurde der Bebauungsplan ein zweites Mal überarbeitet und weiter Geld für Planungskosten ausgegeben. Aber es gibt Anzeichen für einen Wandel: Die Dietz AG ist als Investorin abgesprungen. Sie hat den Vorvertrag Ende Dezember 2019 auslaufen lassen, ohne ihn zu verlängern. Begründung: Das sich ziehende Verfahren und der Widerstand vor Ort. Im Januar beschloss der Gemeinderat mit knapper Mehrheit, die dritte Offenlegung des Planes für mindestens 6 Monate auszusetzen. Die Zeit solle genutzt werden, um alternative Nutzungsmöglichkeiten zu erörtern. Dann kam das neue Corona-Virus und viele Bereiche des öffentlichen Lebens laufen seitdem auf Sparflamme.

Derweil wird der Acker, nachdem einige Bewirtschaftungsversuche verhindert wurden, von Landwirten aus der Nähe bewirtschaftet. Hierzu wurde mit mehreren Beteiligten ein Kompromiss ausgehandelt. Als Ergebnis steht der Ackerbesetzung eine Gemüseanbaufläche zur Verfügung und neben dem Camp wird von den Landwirten ein Streifen Nutzhanf ohne Pestizideinsatz angebaut.

Mal schauen, wie es weitergeht ...

... und wenn sie nicht geräumt worden sind, dann besetzen sie noch heute. :-)

Mehr Infos und Argumente gibt's auf der Webseite der Bürgerinitiative für ein Lebenswertes Neu-Eichenberg

Die Beweggründe

Ein ausgearbeitetes Selbstverständnis der Gruppe gibt es nicht. Es kann aber als Schnittmenge gelten, dass es vor allem die überregionalen Themen wie Klima-, Boden- und Artenschutz sind, die Menschen dazu bewegt haben, sich auf dem Acker niederzulassen. Darüber hinaus beschäftigen viele der Leute hier Themen wie Tierrechte/Veganismus, Geschlechtergerechtigkeit, Diskriminierung, Solidarität mit kleinbäuerlichen Kämpfen überall auf der Welt und ein Leben in Selbstbestimmung.

Zukunftsvisionen: Agrarökologie statt Logistikgebiet

Wir wollen nicht im Protest gegen etwas stecken bleiben, sondern den in vieler Hinsicht destruktiven Plänen einiges Konstruktives entgegensetzen. Dazu lief in den vergangenen Wochen und Monaten ein offener Gestaltungsprozess, koordiniert von der ReLawi-Gruppe Witzenhausen. Zuvor wurden bereits im Rahmen eines selbstorganisierten Moduls am Fachbereich 11 der Uni Kassel zum Thema "Regenerative Landwirtschaft" (ReLawi) einige Konzepte entwickelt. Diese wurden auf dem Acker präsentiert und besprochen. Eine schriftliche Darstellung kann hier runtergeladen werden:

Planspiel Regenerative Landwirtschaft - Ausarbeitung

Mittlerweile hat sich aus der ursprünglichen Initiative der Verein "Land schafft Zukunft" gegründet (hier geht's zu deren Homepage). Mit dem Wissen der Uni Kassel Witzenhausen und dem Engagement vieler Beteiligter wird weiterhin an einem Konzept gearbeitet, um aufzuzeigen, wie die 80 Hektar mit regenerativer Landwirtschaft bewirtschaftet werden können. Am 18.12.2019 hat "Land schafft Zukunft" der Gemeindevertretung Neu-Eichenbergs eine Ideensammlung präsentiert, wie der Acker und die Domäne genutzt werden könnten, um vielfältige Bedürfnisse der Gemeinde zu erfüllen. Die Vorschläge beinhalten u.a. Landwirtschaft in Form von Agroforst, Gemüsebau und Saatguterzeugung sowie Erzeugung von Strom und Biomasse zur Wärmegewinnung. Auch Naherholungsflächen sind angedacht. Auf der Domäne könnten sich Betriebe zur Verarbeitung und Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ansiedeln. Die Bürgerinitiative für ein lebenswertes Neu-Eichenberg hat dazu eine Pressemitteilung verfasst, die hier heruntergeladen werden kann.

Solche Perspektiven aufzuzeigen ist unsere Aufgabe – in Neu-Eichenberg und darüber hinaus! Es ist an der Zeit, dass die Menschen in Neu-Eichenberg erkennen, welchen Schatz sie mit diesem fruchtbaren Boden inmitten ihrer Gemeinde haben. Boden ist eine unserer wertvollsten Ressourcen!